Augen in der Großstadt

Wenn du zur Arbeit gehst
am frühen Morgen,
wenn du am Bahnhof stehst
mit deinen Sorgen.
Da zeigt die Stadt
dir asphaltglatt
im Menschentrichter
millionen Gesichter.

Zwei fremde Augen,
ein kurzer Blick.
Die Braue, Pupillen, die Lieder.
Was war das?
Vielleicht dein Lebensglück.
Vorbei, verweht, nie wieder...

Du gehst dein Leben lang
auf tausend Straßen.
Du siehst auf deinem Gang,
die dich vergaßen.
Ein Auge winkt.
Die Seele klingt.
Du hast's gefunden...
nur für Sekunden.

Zwei fremde Augen,
ein kurzer Blick. Die Braue, Pupillen, die Lieder.
Was war das?
Kein Mensch dreht die Zeit zurück.
Vorbei, verweht, nie wieder...

Du musst auf deinem Gang
duch Städte wandern;
siehst einen Pulsschlag lang
den fremden Andern.
Es kann ein Feind sein.
Es kann ein Freund sein.
Es kann im Kampfe dein Genosse sein.
Er sieht hinüber
und zieht vorüber.

Zwei fremde Augen,
ein kurzer Blick.
Die Braue, Pupillen, die Lieder.
Was war das?
Von der großen Menschheit ein Stück. Vorbei, verweht, nie wieder...

(Kurt Tucholsky, 1930)

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